Freitag, 2. März 2007

Absoluter Gehorsam?

Die Offenheit, die durch Präsenz im Internet entsteht, ist auch ein Schutzschild. Denn sie ist nicht meine vollständige Wirklichkeit, nur ein Teil, den ich gestalte, eine der vielen Schichten, die ich forme und zeige. Sich bewusst zu zeigen und bewusst einen Teil der Wirklichkeit zu verbergen sind ein Ausdruck von Eigenmacht, aber auch von Gestaltung und Fantasie. Ich entscheide, was ich sichtbar mache. Wirklichkeit wird so zur Wirklichkeitsprojektion, zu einer Spiegelung der vielen Wirklichkeitsebenen.
So arbeitet Magie und so arbeitet Kunst. Es gibt eben nicht nur eine Wirklichkeit (wir sprechen ja meistens von der optischen Wahrnehmung, wenn wir Wirklichkeit meinen), sondern viele Ebenen, die der Sinne, der Erinnerung, der Träume, der körperlichen Reaktionen ...



Manchmal gleicht das Netz einem Spinnennetz - man berührt nur einen Faden, wird erkannt, eingefangen und ausgeraubt. Wir sehen etwas im anonymen Cyberraum, was sich sonst in den Hirnen abspielt, was uns verborgen bleibt, bis es in einen zerstörerischen Akt nach außen bricht. Das Internet macht vielleicht zum ersten Mal sichtbar, wie gestört und zerbrochen, wie fantasievoll und vielseitig Menschen sind. Was vorher verborgen in der Dunkelheit der geheimen Wünsche und Lüste ungestaltete, unbekannte Gefahr war, hat im Internet Bilder und Sprache gefunden (und wird so auch zu einer gigantischen Perversionsindustrie). Die Sehnsüchte der Menschen heute bleiben die gleichen, die sie wohl schon immer hatten. Menschen brauchen menschliche Wärme, sie wollen Sex haben, sie wollen möglichst gesund sein und sich gelegentlich auch mal mächtig fühlen. Wenn sie gedemütigt werden, wollen sie sich rächen, Gewalt ausüben. Sie wollen Arbeit oder wenigstens Geld haben, manche wollen darüberhinaus auch noch Macht und alles zerstören, weil sie selbst zerstört wurden.




Frauen sind - ob im Islam oder in der so gepriesenen aufgeklärten westlichen Zivilisation - noch immer so konditioniert, ihre Bedürfnisse zu verkleiden und zu verstecken. Sie sollen hoffen, dass jemand kommt, diese Bedürfnisse erkennt und sie dann erfüllt. Denn eine Frau, die sich erobert, was sie will und braucht, wird als bedrohlich empfunden. Sie wird beschimpft und kritisiert - auch und gerade von Frauen.
Es mag einmal eine Generation gegeben haben, meine eben, die sich gegen Gehorsam und Autorität aufgelehnt hat. In der jüngeren Generation übt man sich in Anpassung, Ordnung und Unterwerfung unter die herrschenden Spielregeln. Diese Haltung erhöht die Gefahr, abgezockt oder verletzt zu werden. Wie Margarete Mitscherlich, die Psychoanalytikerin, feststellte, ist der absolute Gehorsam, den sowohl Kirche als auch Staat in patriarchalen Gesellschaften forderten (und noch fordern), die Ursache für Katastrophen wie den Holocaust, Kriege, Unterdrückung von Frauen, Gewalt gegen Kinder.
Wer sich schützen will, muß es wagen, frechen Widerstand zu leisten, Forderungen nicht zu erfüllen, Erwartungen zu ignorieren.



Aus:
Luisa Francia, Beschützt, bewahrt, geborgen. Wie magischer Schutz wirklich funktioniert, nymphenburger Verlag München 2006

Kommentare:

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